13. Februar 2017

Arzneimittelvergabe

Fast jedes zehnte Antibiotikarezept stammt vom Zahnarzt

Zahnärzte in Deutschland verordneten im vergangenen Jahr über 30 Millionen Tagesdosen Antibiotika. Das sind mehr als acht Prozent aller von der gesetzlichen Krankenversicherung erstatteten Antibiotika. Unbeeindruckt von der öffentlichen Diskussion um eine Zunahme von Antibiotika-Resistenzen setzen Zahnmediziner vor allem auf unspezifische Antibiotika-Kombinationen mit möglichst breitem Wirkspektrum. Besonders häufig verordnet wird der sogenannte „van-Winkelhoff-Cocktail“, eine Kombinationstherapie aus Amoxicillin und Metronidazol zur Behandlung der Parodontitis.

Zahnmedizinische Studien zu dieser Amoxicillin-Metronidazol-Therapie bei Parodontitis-Patienten beschränken sich aktuell entweder auf Vergleiche gegenüber Placebo oder auf die Resistenzentwicklung abhängig vom Zeitpunkt der Amoxicillin-Metronidazol-Gabe.1 Kaum verglichen wird dagegen, in welchen Fällen der van-Winkelhoff-Cocktail überhaupt Vorteile gegenüber einer zielgerichteten Antibiotika-Monotherapie bietet. Dabei ist vor allem der Einsatz von Amoxicillin diskussionsbedürftig, das mit insgesamt 14,3 Millionen Tagesdosen fast die Hälfte aller zahnärztlichen Verordnungen ausmacht: "Gerade bei Parodontitis-Patienten ist Amoxicillin eigentlich nur indiziert, wenn ein pathogener Befall mit Aggregatibacter actinomycetemcomitans nachgewiesen ist. Doch dieser Keim ist nach unseren Untersuchungen nur an jedem vierten Parodontitis-Fall überhaupt beteiligt", erklärt Max Koltzscher, Laborleiter der Carpegen GmbH. Vor einer unreflektierten Antibiotika-Gabe warnt auch der Namensgeber des van-Winkelhoff-Cocktails selbst, Prof. Arie J. van Winkelhoff von der Universität Groningen: Angesichts steigender Resistenzen empfiehlt er den verstärkten Einsatz mikrobiologischer Analysen, ggf. kombiniert mit einer Antibiotika-Empfindlichkeitsprüfung „as an aid in the selection of systemic periodontal antibiotic therapy“.2 

1 Mombelli et al. in: Journal of Periodontology 5/2016, DOI: 10.1902/jop.2015.150494
2 Rams, Degener, van Winkelhoff in: Journal of Periodontology 1/2014, DOI: 10.1902/jop.2013.130142


ZWP - Zahnarzt Wirtschaft Praxis, Februar 2017